>|<

BACK

Ausstellung

 

18. August — 20.Oktober 2013

im Kunstverein Röderhof e.V.

Martin Vorwerk

curation

concept

gestalt

»

 

Die ausgestellten framentarischen Gesichtsmasken der Kifwebe-Maskerade sahen sich ursprünglich niemals in der Situation, von Uninitiierten in solcher Statik wahrgenommen zu werden, wie dies in der vorliegenden Ausstellungssituation der Fall ist. Vielmehr wurden die den ganzen Körper des Trägers verhüllenden Kostüme immer in Zusammenhang mit spezifischen (Tanz-) Bewegungen, in den Händen getragenen Accesoirs, charakteristischen Stimmen und Sprachen sowie begleitender musikalischer Aufführung rezipiert. Jede dieser Komponenten kann eine wichtige Schlüsselfunktion zur Identifikation eines bestimmten Maskencharakters sein. Die einzige Situation, in der die physischen Maskeraden quasi unbelebt und statisch an einem Fleck verweilten, war zwischen den öffentlichen Performances in der abgelegenen und im Busch versteckten Maskenhütte kyobo. Ein speziell verlaufender, nur den Initierten bekannter Pfad führte vorbei an vergifteten Dornen in das Herz des Bundesgeheimnisses, in dem die Maskenkostüme entlang der Wände aufgehangen waren. Wenn die frisch initiierten Jungen das erste mal entlang dieses Pfades liefen, mussten sie am Eingang der Hütte zwischen den Beinen einer großen, alten, männlichen und mächtigen Maske entlangkriechen, Tritte der Älteren einstecken und diese Prozedur wohl unter dem Einfluss einer speziellen Droge über sich ergehen lassen.

Öffnungszeiten der Galerie:

 

Sonntags 14 — 17 Uhr

oder nach Vereinbarung

Die Kritik an der westlichen Präsentation und Rezeption der »alten afrikanischen Kunst« fängt beim Begriff der »Kunst« nach westlichen Maßstäben an und findet seine Kulmination in den überwiegend zusammenhangslos, fragmentarisch und kolonialistisch sozialisiert ausgestellten Objekten in naturwissenschaftlich tradierten Vitrinen oder dem sogenannten »White Cube«. Der Anspruch einer vermeintlich wissenschaftlichen Objektivität bleibt jedoch Illusion und fällt nach wie vor der Projektion exotisierender Sehnsüchte des westlichen Rezipienten zum Opfer. Vor dem Hintergrund dieser Krise wäre ein möglicher Pfad, als Künstler, als Mensch, in bewusster Subjektivität die Semantik eines Objektes mit afrikanischer Provenienz zu untersuchen und für das westliche Publikum zu translatieren.

 

In der aktuellen Ausstellung im Kunstverein Röderhof wird im hinteren rechten Raum der ersten Etage der Versuch gewagt, sich Maskenfragmenten des Kifwebe-Phänomens aus dem Südosten der Demokratischen Republik Kongo über Kosmologie und Aspekte von Status und Gender zu nähern.

Der Aufbau der Ausstellung leitet die BesucherInnen etwas weniger gewalttätig auf einem von acht zooomorphen Masken gesäumten Pfad gleich dem des Busches mit seinen tierischen Bewohnern in einen Kreis abstrahierterer und wilderer Gesichtsmasken, in welchen sie sich wie in der Maskenhütte kyobo von elf scheinbar nur temporär ruhenden Bifwebe umringt sehen. Das Zentrum des Kreises und damit auch Orientierungspunkt beim Durchschreiten des »Ganges« bildet eine auf einem Sockel schwebende weibliche Holzfigur mit einer runden Kifwebe anstelle eines Kopfes. Von allen vier Seiten des Raumes wallen zunächst nicht näher zu definierende Geräusche an die Ohren der BesucherInnen. Es riecht streng süßlich nach tierischen Exkrementen.

Aus dem abgedunkelten und damit in seinen Grenzen nicht genau zu erfassendem Raum treten die hölzernen Gesichtsmasken nur von punktuellen Lichtspots beleuchtet aus dem Nichts hervor. Die Schrittbewegungen der BesucherInnen scheinen mysteriöserweise Einfluss auf ein kaum merkbares Schwingen der Bifwebe auszuüben.

Einsichten in die Ausstellung

Kunstverein Röderhof e.V.

 

Gut 50

38838 Röderhof

 

Anfahrt

Zur Ausstellung erscheint

ein 56-seitiger Katalog,

welcher für 10

über das sich weiter unten befindliche Kontaktformular käuflich erworben werden kann.

Es entsteht bei den BesucherInnen der Installation unmittelbar der ambivalente Eindruck, sich an einem Ort zu befinden, an dem man nicht sein darf, etwas zu sehen, dass nicht für die eigenen Augen bestimmt ist. Und ständig das bedrückende Gefühl, irgendwie beobachtet zu werden, obwohl man doch der einzige Mensch im Raum ist...

 

In der Tat kippt die von uns gewohnte Ausstellungssituation und es stellt sich die Frage, wer sich als Fremdkörper einer eingehenden Untersuchung zu unterziehen lassen hat.In den Westen gelangte Objekte mit afrikanischer Provenienz sind es gewohnt, wie Tiere in Zirkuskäfigen von einer Masse von Gaffern und aus allen Richtungen studiert zu werden. Das Maskeraden oft zugrunde liegende Geistwesen legt scheu die Augen nieder und hat das Umrunden des gefräßigen Auges gleich den menschlichen Austellungsobjekten der kolonialen Völkerschauen über sich ergehen zu lassen. Anders hier:

Die BesucherInnen sind auf sich allein gestellt mit einer deutlichen Überzahl an Persona konfrontiert. Sie erhalten keine Gelegenheit die »Beute« des westlichen Kunstmarktes zu umrunden, sondern sehen sich vielmehr dazu gezwungen, vor dieser selbst »Spalier zu laufen«. Ein Objekt kann zwar fixiert werden, im Gegenzug dazu muss man aber die undefinierbaren Blicke achtzehn anderer Augenpaare auf sich und hinter seinem Rücken erdulden. Dadurch ergibt sich eine Begegnungssituation, die der ursprünglichen Macht und Wirkung der Bifwebe in einer Art Reenactment versucht gerecht zu werden.

«

 

Martin Vorwerk, August 2013

BACK