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»Ode an den Totentanz«


black Toner on 90 gr BioTOP paper and 240 gr yellow carton,

swiss binding, 29x19 cm,

320 pages,

hand bound, edition of 20,

2010

 

Martin Vorwerk

curation

concept

gestalt

»Observations and thoughts on the complexity of world"

 

A subjective inventory is followed by the argumentation of empathy, voices from the off and sketches on synaesthetic thinking. The archive celebrates itself and till then unnoticed structures result.

Structures will be transferred into acoustical experiences. To vocalise visuality, dissolve the matter and devise an eternal composition.

 

An ode. An almanac, reference and sketch book of 320 pages.

»Beobachtungen und Gedanken zur Komplexität von Welt«

 

Einer subjektiven Bestandsaufnahme folgt die Argumentation der Empathie, Stimmen aus dem off und Skizzen zu synästhetischem Denken. Das Archiv feiert sich selbst und unbemerkt ergeben sich Strukturen.

Strukturen gilt es, akustisch erfahrbar zu machen. Visualität vertonen, Materie auflösen und Sein ersinnen.

Eine Ode. Ein Almanach, Nachschlagewerk und Skizzenbuch.

SINNE UND SINN

»Sprache, farbige Hieroglyphen-
schrift« nennt Hermann Hesse »alles Sichtbare« und Franz Marc »armseelig, seelenlos«

die » Konvention, Tiere in eine

Landschaft zu setzen, die unseren

Augen zugehört, statt uns in die Seele des Tieres zu versenken, um dessen Bildkreis zu erraten«.

Warum also nicht die Sinne schärfen, »sehen«, was vor uns liegt und uns dessen Sprache gegenüber öffnen?

Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen - abgenutzte Wörter, mit denen wir unsere beschränkte Wahrnehmung von Welt beschreiben. Eine Welt, in der wir nichts von den Unterhaltungen der Fledermaus, noch von der farbenprächtigen Sicht der Schmetterlinge spüren. Unsere »Instrumente« zur Wahrnehmung gleichen einer Kelle, mit der wir arrogant aus der großen Ursuppe löffeln, stolz auf die vermeintlich völlige Erfassung ihres Geschmacks.

Ich bin der Meinung, dass die Sucht des Menschen nach Ordnung und Klassifikation, Sinnbild einer artifiziellen Abgrenzung gegen das »Wilde«, mit der Namensgebung und gedanklichen Trennung unserer »Sinne« dazu beigetragen hat, eine uns ursprünglich angeborene allumfassende Synästhesie anatomisch zu zerlegen, um die einzelnen Bruchstücke besser in Worte fassen zu können.

Doch zu welchem Preis? Führt Spezialisierung nicht auch immer zu einer spröden Starrheit, die bei einer Änderung der Umgebung schnell zum Nachteil werden kann?

Wie wollen wir unsere Welt bewusst gestalten, wenn uns ein wirkliches Bewusstsein für sie fehlt? Wir sind der Gesprächspartner, der pausenlos von sich selbst erzählt und dem anderen gar nicht zuhört, beziehungsweise das vom Gegenüber Geäußerte nur aus seiner Sicht der Dinge betrachtet.

Wo ist unsere Empathie geblieben?

Wir könnten sie bei den sogenannten Naturvölkern in den letzten großen Wäldern Südamerikas und Afrikas, den Inselgruppen Oceaniens, der Wüste Australiens oder den ewig kalten Polarregionen suchen. Dort wo Menschen die wildeste und feindlichste Umgebung bewohnen, scheint es, als ob sie sich ein relativ großes Maß an Empathie für eben diese bewahrt haben, das Phänomen eines symbiotischen Zusammenlebens nicht aus Schulbüchern kennen, sondern praktizieren. Und schließlich ist das stetige Zeichenlesen auch eine Voraussetzung für ihr eigenes Überleben.

Doch auch diesen letzten großen ethnologischen Freilichtmuseen gehen langsam die Kulturgelder aus und zurück bleiben klassifizierbare jedoch stumme Artefakte, deren Betrachtung eine

sonderbare Mischung von Unverständnis und Sehnsucht in uns hervorruft.

Ist es Zufall, dass das Wort »Sinn« die Fähigkeit zur Wahrnehmung unserer Umwelt, sowie das vom Menschen geschaffene Phänomen beschreibt, auf dessen Suche wir stets in allem sind?

Vielleicht liegt der Sinn ja eben in dieser bewussten Wahrnehmung und in dem Spüren von Existenz, die über die eigene hinausgeht.

Lesen wir also die Hieroglyphen einer Wurmspur und hören, wann der

Frühling kommt. Öffnen wir uns für die Flut von stetigem Flüstern, Reden, Schreien und Singen der Dinge, die uns zu längst vergessener Vertrautheit zurückschwemmen könnte!

 

Wagen wir Empathie unseres eigenen Glückes wegen!

 

perception

collage, 2006

Es geht nicht darum, harmonische Akkorde aneinander zureihen,

»Musik zu schreiben« oder sie neu zu definieren.

Vielmehr ist das folgende Kapitel eine Art »Lesehilfe«, ein Anstoss

für ein synästhetischeres Empfinden unserer Umwelt.

Es bietet Transkriptionsansätze, die es ermöglichen sollen, natürliche visuelle Phänomene und Strukturen in für uns auditiv

wahrnehmbare Momente umzuwandeln. Willkür und Subjektivität bei der Auswahl, der im folgenden wahrzunehmenden Phänomene

sind beispielhaft für die Arbeitsweise von selektiver Wahrnehmung

 und Synapsenverknüpfungen. Denn unsere Denkstrukturen

sind mit ihrer Fähigkeit zur Assoziation nichts weiteres als riesige Kompositionen - Collagen unzähliger Eindrücke.

 

Einfühlungsvermögen und Emotionen gegenüber den wahrzunehmenden Phänomen sind für das hier vorgeschlagene Prinzip ausschlaggebender

als eine rein rationale systematische Erfassung der vorhandenen

Strukturen. Die entwickelten Systeme sollen »nur« Taktgefühl

vermitteln und die Sinne für die unendlichen Improvisationsmöglichkeiten des Lebens und seiner Grundlagen schärfen.

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